Hier präsentiert er selbstgemachte traditionelle syrische Seifen auf Olivenölbasis.

ZUHAUSE IST DA, WO DIE FAMILIE IST

„WIR SEHEN UNS IN DREI MONATEN WIEDER“

Am 08. September 2014 um 7.30 Uhr sah Essam seine Familie zum letzten Mal. Als er sich von ihnen verabschiedete, sagte er, sie würden sich in 3 Monaten wiedersehen. Im Gespräch erzählt Essam, welche Bedeutung für ihn Familie hat und wie quälend Bürokratie sein kann.

Lüneburg, der 19. Juni 2015: seit seinem Versprechen sind nun bereits knapp neun Monate vergangen und Essam wartet immer noch auf seine Familie. Wir treffen uns mit Essam in einem hellen Gemeinschaftsraum der Ochtmisser Flüchtlingsunterkunft, um seine Geschichte zu hören. Die Mittagssonne erwärmt den Raum, trotz der zugezogenen Vorhänge. Es ist Ramadan und in den Räumlichkeiten der Unterkunft herrscht eine sanfte Ruhe. „Anna sait bilikaa-eck“ – „Ich freue mich, dich zu sehen“, grüßt Essam freundlich, bevor wir uns für das Interview zusammensetzen. Eigentlich wollten wir heute mit ihm nur über das Familienleben in seiner Heimat sprechen.

Die Familie ist für Essam das Wertvollste.

Essams Kinder in Syrien

Essams Kinder in Syrien

Aber das Versprechen, das Essam seiner Familie gegeben hat, beherrscht seine Gedanken und wirft einen Schatten über die glückliche Vergangenheit, von der er uns erzählen will. Die Gegenwart ist von Unsicherheit geprägt und die Zukunft ungewiss.
Auch das muss gesagt werden.
Zuhause in Damaskus arbeitete Essam jeden Tag von 7.30-17.30 außer freitags, denn der Freitag ist in dem vom Islam geprägten Land ein Feier- und Gebetstag, ähnlich dem Sonntag in Deutschland. Shama (dt. Freitag) bedeutet auf Arabisch „Zusammensein“ und genau das wird an diesem Tag auch zelebriert.
Im Kreise der Familie wird nach dem Mittagsgebet der Tag verbracht. Dieser Kreis schließt nicht nur die engsten Verwandten ein, sondern auch Tanten, Onkel und Großeltern. Man flaniert durch die Stadt und trifft Freunde zum gemeinsamen Essen. Sogar in den Großstädten, wo die Lebensstile unterschiedlicher sind als auf dem Land, wird der Freitag als Tag der Familie begangen. Essam betont vor allem den engen Kontakt zu den Eltern, der, wenn nicht durch Besuche, zumindest durch Telefonate gep egt wird. Obwohl Essams Eltern sehr krank sind, würde es für ihn nicht in Frage kommen, sie in ein Altersheim zu bringen. Dass seine Eltern ihn großgezogen und für ihn gesorgt haben, möchte er ihnen so zurückgeben.
Für ihn ist das nichts Außergewöhnliches. Ältere Menschen sollten mit Respekt behandelt und bei Bedarf gep egt werden. Deshalb möchte Essam, sobald die Aufenthaltserlaubnis da ist, seine Eltern nach Deutschland holen. Er ruft sie jeden Tag an und erkundigt sich nach ihnen.
Grundlegend für ein funktionierendes Familienleben in Syrien ist, dass sich die Familien beider Ehepartner untereinander verstehen. Eine erfolgreiche Ehe basiert auf dem Netzwerk der gesamten Familie, die durch den Zusammenhalt und die Unterstützung in allen Lebenslagen geformt wird. Eheprobleme werden ebenfalls familienintern geklärt. Seinen Vater beschreibt Essam als Mentor und Ratgeber der Familie. Seine Mutter ist für ihn die „Quelle für Geborgenheit“, an die er sich jederzeit wenden kann. Nach der Hochzeit hat Essams Frau bald ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich um die gemeinsamen Kinder zu kümmern. Seitdem hat Essam alleine für das Auskommen der vierköp gen Familie gesorgt.

Familienzusammenhalt hat höchste Priorität.

Essams Kinder gingen bis zum Ausbruch der Kämpfe in eine gemischte Schule in Damaskus. Aufgrund der ständigen Bombenangriffe ist der Schulbesuch momentan aber zu gefährlich.
Aufgrund der unzumutbaren Kriegssituation in Syrien musste Essam das Land verlassen. Sein Zuhause bot seiner Familie keine Sicherheit mehr. Er stand vor der Wahl: potentieller Tod oder Flucht? Die Flucht schien der einzig rettende Ausweg zu sein. Die Deutschen, mit denen Essam in seiner Firma bereits zusammen gearbeitet hatte, hinterließen einen positiven Eindruck bei ihm. Das und der Ruf Deutschlands, Syrer willkommen zu heißen, brachten Essam zu dem Entschluss, hierher zu kommen. Er hatte darauf gehofft, dass das Asylverfahren nicht länger als vier Monate dauern würde, wie er es vorher gehört hatte. Mittlerweile sind seit dem Antrag bereits neun Monate vergangen und nichts ist passiert.

„Der Krieg hat uns getrennt.“

Hier präsentiert er selbstgemachte traditionelle syrische Seifen auf Olivenölbasis.

Essam war in Damaskus selbstständiger Parfumeur. In seinem Zimmer in der
Unterkunft hat er sein eigenes kleines Labor
zusammengestellt. Hier präsentiert er selbstgemachte traditionelle syrische
Seifen auf Olivenölbasis.

Essam fühlt sich hilflos; wie in einer unlösbaren Starre. Ihm sind die Hände gebunden, denn er ist gezwungen weiter zu warten, zu hoffen und einfach zu warten. Das ständige Nachfragen bei der Polizei und seinem Rechtsanwalt ändert nichts an seiner Situation. Die Bürokratie nimmt unbeirrt weiter ihren Lauf. Bekannt ist, dass sich das Asylverfahren auf einige Monate ausdehnen kann. Währenddessen lebt die zurückgelassene Familie im Kriegsgebiet und Essam quält täglich die Angst um seine Angehörigen. Aus diesem Grund suchte er in Deutschland zunächst einen Psychologen auf. Dass ihm so etwas jemals passieren würde, hätte er niemals gedacht: „Vielleicht folgt als nächstes der Friedhof“, denkt er in den Momenten, wenn die Hoffnung ihn vollkommen verlässt. Doch für seine Frau und die Kinder will er stark bleiben. Er möchte Deutsch lernen und wieder arbeiten. Essam hat Verständnis für die langen Wege der deutschen Bürokratie, aber das nicht enden wollende Warten und die fehlende Beschäftigung belasten ihn dennoch.

„Ich habe nichts von dem geschafft, was ich anfangs wollte. Keinen Millimeter.“

Auf die Frage hin, was er sich für die Zukunft wünscht, fragt Essam, welche Zukunft gemeint ist. Denn die Zukunft ist ungewiss, die Hoffnung schwindet mit jedem Tag. Die Sehnsucht nach den Kindern drückt schmerzlich und die Gedanken an sie sind allgegenwärtig, mischen sich mit Vorwürfen an sich selbst: „Wie soll ich meinen Kindern erklären, dass man nicht lügen soll, wenn ich dieses Versprechen nicht mal selbst, als Vorbild, einhalten kann?“.

„Das Schlimmste für mich ist, dass ich meine Kinder angelogen habe.
Ich habe gesagt, dass wir uns in drei Monaten wiedersehen werden.“

Obwohl Essam nicht dafür verantwortlich ist, dieses Versprechen nicht eingehalten zu haben, muss er die Situation hinnehmen, wie sie ist. Solange er seine Kinder nicht in die Arme schließen kann, sieht er keine Zukunft.

Den Kindern ein sicheres Zuhause und Zugang zu guter Bildung zu ermöglichen, ist Essams größter Wunsch. Endlich in Frieden leben zu können. Für Essam ist es schwer nach dem unabsehbaren Kriegsende nach Syrien zurück zu gehen. Mit der Flucht hat er seine gesamte Existenz, alles wofür er hart gearbeitet hat, aufgegeben: Das Haus in Damaskus musste er verkaufen, seine Arbeitsstelle existiert nicht mehr. Essam möchte nach vorne schauen und in Deutschland ein neues Leben für sich und seine Familie aufbauen. Oft denkt er an die schönen Momente mit seinen Kindern zurück. Sie geben ihm Kraft und Zuversicht.

„Deutschland könnte unser neues Zuhause werden“

Am Ende des Gesprächs wird er nachdenklich und sagt, dass er nach Syrien gehen werde, wenn ihn das Land ruft. Syrien bleibt seine Heimat. Aber das Zuhause ist dort, wo auch seine Familie ist.

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Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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