We Are Here.

Ein Besuch auf der International Conference of Refugees and Migrants:
The struggle of Refugees – How to go on?

Sarah Mohsenyan und Aline Puhan-Schulz

 

Am 26.-28.März 2016 fand zum zweiten Mal die International Conference of Refugees and Migrants unter dem Arbeitstitel „The struggle of refugees – how to go on?“ statt, welche unter anderem von der Gruppe Lampedusa in Hamburg organisiert wurde.In diesem Jahr wurde das Gelände des Kampnagel-Theaters in Hamburg  für die Veranstaltung ausgewählt. Im Zentrum standen die Vernetzung von Geflüchteten und der Austausch über die aktuelle Situation und Gesetzeslage in Deutschland und Europa.

 

Täglich kommen Menschen an den EU-Außengrenzen an, die keine anderen Möglichkeiten sehen als die Flucht vor den menschenunwürdigsten Umständen in ihrer Heimat. Neben den Zuständen und den Kämpfen an den EU-Außengrenzen wird auch das Thema  der verschärften Gesetze gegen Asylsuchende aktuell diskutiert. Was auf politischer Ebene beschlossen wird, bestimmt über die Existenz vieler Menschen: ob sie bleiben dürfen, ob sie abgeschoben werden. Welche Chancen sie haben hier bleiben zu können, hängt von den Fluchtgründen ab.

Eingang des Kampnagel-Theaters

Gründe wie Arbeitslosigkeit, Kolonialismus, Enteignung, Vertreibung oder Krieg entscheiden über das Bleiberecht. Was eine Abschiebung aus Deutschland in das Herkunftsland oder in andere  Länder an den EU-Außengrenzen für die jeweilige Person bedeuten kann, ist dann nicht mehr von Relevanz, da sie sich ja dann nicht mehr im Geltungsbereich Deutschlands befindet. Dass diese Auffassung der europäischen Idee zuwiderläuft, liegt auf der Hand. Seit einigen Monaten diskutieren die EU-Mitgliedsstaaten bereits darüber. Bisher konnte jedoch keine sinnvolle Lösung gefunden werden. Die realen Probleme bleiben somit bestehen und dadurch verschärft sich die allgemeine Situation immer weiter.  

 

In der Bevölkerung entstehen erschreckende Bewegungen, die von rassistischen Ansichten geformt werden. Es bleibt nicht allein bei einem verbalen Rassismus, auch die rassistischen Übergriffe nehmen zu. Spätestens seit den Vorfällen in der Silvesternacht 2015 fühlt sich jeder dazu aufgefordert, sich eine Meinung zur Flüchtlingsthematik zu bilden und kund zu tun. Welches Licht diese Ereignisse auf andere Geflüchtete und Migrant*innen wirft, ist auch der medialen Berichterstattung zuzuschreiben. Umso wichtiger erscheint die Selbstorganisation der Geflüchteten und Migrant*innen, denn auf diese Weise erhalten ihre Stimmen Gehör.

 

Damit sind wir bei der Konferenz angelangt. Die Veranstaltung bot nicht nur Raum zum Austausch über die Situation der Geflüchteten in Europa, sondern ist gleichzeitig auch ein Statement: „We are here“. Mit der Konferenz wird Präsenz und der Wille zur Beteiligung an gesellschaftlichen sowie politischen Prozessen gezeigt.

12916950_1121004194605961_9174393410703107691_oDas dreitägige Event stellte ein vielfältiges Spektrum an interaktiven Workshops, informativen Vorträgen und künstlerischen Aktivitäten bereit. Innerhalb der Konferenz haben auf einem „Bazar“ Initiativen und Organisationen ihre Arbeit vorgestellt. Unter anderem waren auch die NO BORDER ACADEMY und NO BORDER MEDIA vor Ort. Vor, zwischen oder nach den einzelnen Veranstaltungen gab es die Möglichkeit sich bei einem warmen Essen oder einer Tasse Kaffee zu unterhalten.    

 

Am zweiten Tag, dem Samstag, schien die Sonne. Mit kalten Getränken sonnten sich Menschen vor dem Eingang des Kampnagels und unterhielten sich angeregt auf verschiedenen Sprachen. Zwei junge Männer standen sich auf Spanisch singend mit Gitarren gegenüber. Die Klänge der Gitarren unterstrichen die ruhige Atmosphäre und luden zum Verweilen ein.

Sobald man in die große Halle des Kampnagels trat, erwartete einen ein großes Stimmengewirr. Bei genauerer Konzentration waren unterschiedliche Sprachen zu hören. Am Eingang war ein Plakat angebracht, auf dem die gesprochenen Sprachen mit Farben gekennzeichnet waren. So konnte man sich mit den Farben der Sprachen, die man beherrschte ausstatten und sich in den verschiedensten Sprachen zusammen finden. Sprache ist hier kein Hindernis sondern eine Möglichkeit.

Neben dem Bazar, den Podiumsdiskussionen und Vorträgen gab es viele interessante Workshops an denen man teilnehmen konnte. Es wurden dort  Themen wie die Situation von LGBTIQ-Geflüchteten, Gewalt an den Grenzen und Gewalt gegen geflüchtete Frauen aufgegriffen. Letzterer wurde von der NO BORDER ACADEMY organisiert. Wir haben uns zwei Workshops herausgesucht, die wir besuchen wollten.

Über die Frage inwieweit unterschiedliche Begrifflichkeiten mehr Probleme erzeugen, wurde bei dem ersten Workshop über undokumentierte Migrant*innen gesprochen.

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In Europa gibt es eine große Gruppe an Menschen, die unsichtbar, außerhalb der allgemeinen Wahrnehmung in der Gesellschaft lebt. Sie haben keine Papiere, keinerlei Aufenthaltsgenehmigung.

In dem Workshop wurden interaktiv Erkenntnisse und Erfahrungen zu dem Thema ausgetauscht. Ein Mann aus Pakistan fragte: „Welche Option habe ich, seit 15 Jahren lebe ich in Europa ohne Papiere. Ich habe keine Perspektive und muss mich immer verstecken. Und trotzdem arbeite ich für die europäische Wirtschaft. Wieso kann ich keine Papiere bekommen, wenn ich hier die ganze Zeit arbeite?“  Es ist eine verzweifelnde Situation für die Menschen, da sie keine Perspektive in Europa haben und immer Angst haben müssen entdeckt und in ihre Heimat, aus der sie geflohen sind, zurückgeschickt zu werden.  Ein junger Mann aus Deutschland regt an, nicht mehr von der Flüchtlingsbewegung zu sprechen, sondern von „Menschen, die darum kämpfen, Bürger zu werden.“ Damit würde  man nicht mehr Menschen ohne Papiere ausschließen und die Kategorisierung von Geflüchteten und Migrant*innen brechen.

Zum Abschluss des Workshops wurde aber nochmal darauf eingegangen, dass es zwar eine unerträgliche Situation für die Betroffenen ist, aber es gäbe zunächst keinen Raum für Legalitätsdebatten für Menschen ohne Papiere auf der Entscheidungsebene, da der Fokus auf der Flüchtlingskrise liegt.

Die Flüchtlingskrise, wie die Situation im medialen Sprachgebrauch bezeichnet wird, wurde im zweiten Workshop thematisiert. Zu der Gesprächsrunde wurden vier Medienexperten geladen, die über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse mit der europäischen Berichterstattung über die Flüchtlingsthematik sprachen:  Nouran El-Behairy, eine Journalistin  aus Ägypten, Salah Zater, ein Journalist aus Libyen, Start FM, ein arabisch-deutsches Radioprojekt aus Berlin/Brandenburg  und Lena Kainz, eine Medienwissenschaftlerin aus Malmö.

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Salah Zater leitete die Veranstaltung damit ein, dass es in den europäischen und vor allem in den deutschen Medien einen sichtbaren Wandel gab, wie mit dem Thema Geflüchtete in Deutschland vor und nach Silvester 2015 umgegangen wurde.

Noch letztes Jahr hätten die Medien über Asylsuchende als Individuen berichtet, wohingegen jetzt Asylsuchende als eine undefinierbare Gruppe von Menschen dargestellt werden. Letztes Jahr waren Medien noch daran interessiert über die Hintergründe und Situationen von Geflüchteten zu berichten, jetzt missbrauchen Medien eine humanitäre Krise um polarisierende Schlagzeilen für steigernde Leserzahlen zu kreieren.  

Das Geflüchtete überwiegend als stumme Masse dargestellt werden, erläutert die junge ägyptische Journalistin Nouran El-Bahairy  anhand von Beispielen, mit denen sie sich in ihrer Forschung befasst hat. Durch die Darstellung in den Medien wird ein prägendes negatives Bild von Flüchtenden in der Gesellschaft normalisiert und diese als Gefahr für die Allgemeinheit kommuniziert.  Doch  Bürger*innen würden in der Regel nicht die Folgen der medialen  Darstellungen über bestimmte Gruppen der Gesellschaft hinterfragen.  Medien als Informationslieferanten sind maßgeblich an den Meinungsbildungsprozessen beteiligt und besitzen großen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Den aktuell erschreckenden Tendenzen gilt es entgegen zu wirken. Es ist nicht nur eine Anmerkung, sondern eine Aufforderung an alle Journalist*innen.

In dem Workshop sind sich die Gäste, von denen eine Vielzahl selbst Journalist*innen sind, einig: Es geht nicht nur darum, Medien für Geflüchtete oder über diese zu schaffen, sondern Medien die Geflüchtete befähigen, selber über ihre Themen zu berichten.

Die Initiative Start Fm will genau diese Idee mit ihrem Projekt umsetzen. Die Idee von Start FM ist, einen Radiosender zu schaffen, der von arabisch sprechenden Menschen für arabisch sprechende Menschen produziert werden soll. Momentan sind sie noch in der Planung. Sie wollen außerdem eine Internetplattform schaffen, wo Menschen mit Migrationshintergrund sich untereinander austauschen können. Start FM soll als öffentlich geförderter Radiosender für den Raum Berlin/Brandenburg senden.

 

Es wird auch in Zukunft für Geflüchtete und Migrant*innen großer Anstrengung bedürfen, ihre Interessen, Themen und Wahrnehmung hörbar an die Gesellschaft zu vermitteln. Mit der Konferenz ist eine Basis gegeben, sich zu relevanten Themen auszutauschen und dabei  verschiedene Perspektiven auf wichtige Themen einzubringen. Veranstaltungen wie diese sind von großer Bedeutung, damit Geflüchtete und Migrant*innen sich  organisieren können um für ihre Anliegen gemeinsam einzutreten. 

 

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