Samir (52) aus Damaskus

„WÄHREND DES KRIEGES KAUFT KEINER MEHR SCHUHE“

VOM SELBSTSTÄNDIGEN GESCHÄFTSFÜHRER IN DAMASKUS INS LÜNEBURGER STADTARCHIV.

Samir musste aus Syrien flüchten und sowohl beruflich als auch privat alles zurücklassen, was er sich aufgebaut hat. In seinem Text berichtet er über seine beruflichen und persönlichen Erfahrungen in der alten Heimat. Ich heiße Samir und komme aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Meine Verwandten lebten ebenfalls dort, weshalb wir in engem Kontakt zueinander standen. Meine Frau und ich haben zwei kleine Kinder. Eines meiner Kinder ist erst zur Welt gekommen als ich in Lüneburg angekommen bin.

„Meine Frau und ich haben zwei kleine Kinder. Eines der beiden ist erst zur Welt gekommen als ich in Lüneburg angekommen bin.“

In Damaskus habe ich meine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zum KFZ Mechaniker bei Toyota begonnen. Danach habe ich jedoch in verschiedenen Schuhgeschäften gearbeitet, was mich dazu inspiriert hat, mich selbständig zu machen und 2005 ein eigenes Geschäft für Damenschuhe und Handtaschen sowie eine Lederreparaturstelle zu eröffnen. Das Geschäft lief bis zum Beginner der Kämpfe 2012 sehr gut. Wegen des Krieges musste ich meine Läden 2013 schließen. Während des Krieges kauft niemand mehr Schuhe, da andere Sorgen viel größer sind. Als das Geschäft noch lief, hatte ich einen strukturierten Tagesablauf, bei dem ich täglich acht Stunden ohne Mittagspause gearbeitet habe. Da ich die Ware nicht selbst produziert habe, bin ich oft zu Großhändlern ins Ausland gefahren, um Schuhe und Damentaschen einzukaufen. In den beiden Geschäften – dem Lederhandel und der Reparaturstelle – hatte ich jeweils zwei Angestellte. Mein Arbeitstag endete meist um 17 Uhr und meine Mitarbeiter betreuten die Geschäfte weiter bis 22 Uhr. Das Besondere an den beiden Geschäften für mich war, dass sie eine Art multikultureller Treffpunkt waren. So waren nicht nur meine Mitarbeiter, sondern auch die Kundschaft, meistens verschiedener Herkunft, Kultur und Konfession. Ich bin mit verschiedenen Menschen in Kontakt gekommen, was für mich immer ein besonderer Austausch war und wodurch ich beispielsweise andere Sprachen gelernt habe. Ich habe mich sehr wohl gefühlt. Schon immer habe ich mich für andere Kulturen interessiert und bin viel gereist. Ich habe in der Türkei, in Rumänien, im Libanon, in den Arabischen Emiraten und in Jordanien Urlaube verbracht. Im Jahre 2007 war ich für eineinhalb Jahre in den USA und habe dort mein Englisch verbessert. Dort habe ich durch meine Arbeit als Lieferant für einen griechisches Lieferservice viele nette Menschen kennengelernt. Ich würde behaupten, dass ich ein sehr guter Autofahrer bin und habe deshalb gerne als Lieferant gearbeitet.

„Sobald ich einen Arbeitsplatz habe, werde ich dem Staat alles zurückzahlen, was ich erhalten habe.“

Ich bin schon immer ein fleißiger Mensch gewesen und habe nie von dem Geld anderer gelebt. Selbstständig und unabhängig zu sein sowie einer Arbeit nachzugehen, sind für mich wichtige Bestandteile des Lebens. Als Asylbewerber in Deutschland wird mein Aufenthalt erst einmal vom Staat finanziert, solange ich kein richtiges Einkommen habe. Sobald ich einen Arbeitsplatz gefunden habe, möchte ich dem Staat alles zurückzahlen, was ich erhalten habe. Bis dahin arbeite ich im Lüneburger Stadtarchiv im Rahmen eines 1-Euro Jobs. Dort ist eine meiner Aufgaben beispielsweise bei der richtigen Aufbewahrung der Dokumente zu helfen. Dafür müssen die Metallhalterungen der Dokumente entfernt und durch Plastikklemmen ersetzt werden. Die Arbeit ist sehr interessant, weil ich mit zum Teil hundert Jahre alten historischen Dokumenten, Briefen, Karten und Fotos arbeiten darf. Es ist beeindruckend. Manchmal erinnert mich die Arbeit im Archiv an eine Schatztruhe: man weiß nie, was einen erwartet.

Meine Kollegen im Stadtarchiv sind sehr höflich und, wie auch in meinem Geschäft in Damaskus, international. Die Atmosphäre dort ist sehr angenehm. Leider darf ich die Arbeit nach dem Erhalt der Aufenthaltserlaubnis nicht weiterführen. Die Zeit am Nachmittag nutze ich meist zum Spazierengehen und zum Einkaufen von Lebensmitteln. Außerdem telefoniere ich täglich mit meiner Familie in Damaskus, weil ich wissen möchte wie es meinen Eltern, meiner Frau und unseren Kindern geht. Mein sehnlichster Wunsch ist es mit meiner Familie wieder vereint zu sein und sie nach Deutschland holen zu können. Der einzige Grund, weshalb ich nach Deutschland gekommen bin, ist meiner Familie Sicherheit und Frieden bieten zu können. Damit das gewährleistet werden kann, möchte ich ein gutes Einkommen haben. Deshalb gehe ich oft zum Jobcenter, in der Hoffnung eine Arbeit zu finden.

ALS DER KRIEG NACH ALEPPO KAM
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Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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