„OFTMALS REICHT ES, SICH EINFACH KENNENZULERNEN“

ÜBER DIE FLÜCHTLINGSTHEMATIK AN SCHULEN

Muriel geht in die 10. Klasse des Gymnasiums Herderschule. Ihre Schule befindet sich unweit von der Unterkunft, viele Schüler fahren täglich daran vorbei. Muriel ist im Rahmen eines Praktikums bei der Arbeiterwohlfahrt in Kontakt mit Geflüchteten gekommen und ist oft in der Unterkunft zu Besuch.

 

Hallo Muriel, schön dass du da bist. Wir haben dich zufällig in der Unterkunft kennengelernt, als du mit Schulfreunden und jugendlichen BewohnerInnen Tee getrunken hast. Wie ist der Kontakt entstanden?

Als das Camp in Ochtmissen eröffnet wurde, ist eine Gruppe von meiner Schule einen Nachmittag da zu Besuch gewesen. Dabei habe ich Ahmad kennengelernt und wir sind in Kontakt geblieben.

Foto-Muriel

Wie haben deine Eltern darauf reagiert?

Zuerst hat meine Mutter sich ein bisschen Sorgen gemacht. Es hat nicht viel gebracht nur darüber zu reden, also hat sie vorgeschlagen einfach mal mitzukommen. Meine Mutter malt gerne, also haben wir Farben und Stifte mitgebracht und einen Nachmittag mit einigen Syrern gemalt. Wir wurden noch am gleichen Abend zum Essen eingeladen. Seitdem kommen wir abends oft spontan vorbei.

Was macht ihr mit den BewohnerInnen, wenn ihr zu Besuch kommt?

Im Winter haben wir ein syrisches Kartenspiel gelernt und oft bis in die Nacht gespielt. Jetzt im Sommer spielen wir Tischtennis, Federball oder Wikinger Schach, wir essen zusammen, spielen und malen mit den Kindern oder sitzen einfach nur beisammen. Man fühlt sich sehr willkommen. Unterhält man sich draußen, bekommt man ungefragt einen Tee in die Hand gedrückt und ich kann nicht zählen wie oft ich schon zum Essen eingeladen wurde. Die Menschen sind sehr aufmerksam und herzlich im Umgang mit mir und untereinander. Meine Mutter macht sich mittlerweile auch keinerlei Sorgen mehr, wenn ich meine Nachmittage und Abende dort allein verbringe.

Wie sieht es in deiner Schule aus, wird die Flüchtlingsthematik im Unterricht behandelt?

In Politik wird es zwar teilweise thematisiert, aber viel zu trocken und emotionslos. Die Dublin-Regelung wird nicht einmal erwähnt. Ich habe mal einen Vortrag über Fluchtwege, Wohnräume, aktuelle Zahlen und das deutsche Asylverfahren gehalten. Das alles war sehr neu für meine Mitschüler und mir schlug ziemlich viel Unverständnis entgegen, aber auch Betroffenheit. Ich verstehe nicht, warum niemand von der Unterkunft eingeladen wird, oder warum wir das Camp nicht besuchen. Es liegt ja nicht mal einen Kilometer entfernt.

Wie ist die Stimmung unter den SchülerInnen gegenüber den Geflüchteten?

Mein Gefühl ist, dass die Grundhaltung ablehnend ist. „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber“, beschreibt die Haltung wahrscheinlich ganz gut. Es gibt eine AG „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“, die eine Fahrradsammelaktion für Flüchtlinge initiiert hat. Die Resonanz darauf war gut. Aber auch hier kamen Zettel zurück auf denen Dinge wie „Ausländer raus“ standen. Ich glaube das liegt vor allem daran, dass sich nicht genug mit dem Thema auseinander gesetzt wird. Man sollte sich informieren und sich eine Meinung bilden, die nicht auf Vorurteilen basiert.

Welche Vorurteile gibt es denn?

Flüchtlinge wären arm und klauen. Arabische Männer würden Frauen diskriminieren und sind gefährlich für Mädchen. Am meisten verbreitet ist aber, dass sie sich nicht integrieren wollen. Sie hätten keine Lust Deutsch zu lernen, nur Kontakt untereinander und wären arbeitsscheu.

Wie reagieren deine MitschülerInnen und Freunde auf deine Art, auf Geflüchtete zuzugehen?

Häufig mit Unverständnis. Nach dem Motto: Was hast du denn davon? Meistens aber schlicht Desinteresse. Eine gute Freundin kommt öfter mal mit und unterhält sich auch viel mit mir darüber. Es ist gut jemanden zu haben, mit dem man offen reden kann. Viele andere Freunde von mir wollen nicht mitkommen.

Wie erklärst du dir, dass die meisten deiner MitschülerInnen noch nie die Unterkunft besucht haben, obwohl viele jeden Tag daran vorbeifahren?

Ich glaube, das ist liegt meistens an ihrer Unsicherheit. Vor fremden Menschen und vor allem davor, sich nicht verständigen zu können. Oder auch davor abgelehnt zu werden. Das ist zwar normal, aber die Ängstlichkeit ist total unbegründet. Die Menschen im Camp freuen sich über Besuch und mit Deutsch und Englisch kann man sich gut verständigen. Ein anderes Problem ist meiner Meinung nach, dass viele Eltern Angst haben, ihr Kind in die Unterkunft gehen zu lassen. Ich finde sie sollten es machen wie meine Mutter!

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Gibt es noch etwas, was du den LeserInnen mit auf den Weg geben möchtest?

Man muss nicht gleich ehrenamtlich tätig werden oder besonders engagiert sein. Manchmal genügt es auch miteinander in der Sonne zu sitzen und Tee zu trinken. Es ist doch für uns alle viel schöner, wenn wir nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben.

Aufklärung ist notwendig!
Aus einer Patenschaft wurde Freundschaft

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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