3.4-UnterkunftBlumen

LEBEN AM BIRKENWÄLDCHEN

EIN EINBLICK IN DIE GEMEINSCHAFTSUNTERKUNFT AM OCHTMISSER KIRCHSTEIG

Wie leben die sich nun hier in Lüneburg befindlichen AsylbewerberInnen? Eine Momentaufnahme der Situation der Gemeinschaftsunterkünfte in Lüneburg. 

Langsam fährt das silberne Auto am Containergelände der Gemeinschaftsunterkunft am Ochtmisser Kirchstein vorbei. Neugierige Blicke schweifen über das Gelände. „Wenn sie doch nur mal nachfragen würden, ob sie irgendwie helfen können“, merkt die Sozialarbeiterin an, als sie das langsam vorbeifahrende Auto bemerkt. Das kommt hier täglich vor. Die Neugierde geht teilweise so weit, dass Menschen das Gelände einfach betreten, um sich in Ruhe umzusehen. Auf die Frage, ob man Ihnen weiterhelfen könne, lautet die Antwort meist: „Nein, ich schau’ nur mal.“ Das Interesse der LüneburgerInnen ist durchaus verständlich. Viele fragen sich, wie die AsylbewerberInnen leben, wollen sich ein eigenes Bild der Zustände machen. Dabei bleibt meist ein Rest Berührungsangst: Selten werden Bekanntschaften mit den BewohnerInnen geschlossen, die Visite der AnwohnerInnen wird zu etwas, das wie ein Zoobesuch wirkt. Dabei sind die Menschen, die hier leben, immer wieder offen für neue Begegnungen und freuen sich über jeden Kontakt mit der benachbarten Bevölkerung. Auch die SozialarbeiterInnen sind gerne bereit Fragen zu beantworten.

UNTERBRINGUNG IN LÜNEBURG

Die Unterkunft am Ochtmisser Kirchsteig ist eine der mittlerweile 11 bestehenden Gemeinschaftsunterkünfte in Lüneburg, in denen aktuell insgesamt 770 Menschen (Stand 07. Januar 2016) leben. Davon sind 256 aus Syrien, 115 aus Afghanistan, 97 aus dem Sudan, 92 aus dem Irak sowie 43 aus dem Iran. Die Zahlen schwanken jedoch täglich. Die Gemeinschaftsunterkunft im Meisterweg besteht bereits seit März 1993 und bietet maximal 100 Plätze. In der Bleckeder Landstraße  nden seit November 2013 maximal 200 BewohnerInnen Platz. Die Gemeinschaftsunterkunft in Lüneburg am Ochtmisser Kirchsteig bietet seit November 2014 ein Übergangs-Heim für rund 100 geflüchtete Menschen und wird momentan erweitert. Zu den jüngsten Gemeinschaftsunterkünften zählen die Unterkünfte in Rettmer mit maximal 100 Plätzen und die Unterkunft in Papenburg mit maximal 30 Plätzen, die beide im Juli errichtet wurden. Seit September gibt es des Weiteren eine Gemeinschaftsunterkunft Vor dem Neuen Tore mit maximal 30 Plätzen und eine Unterkunft am Vrestorfer Weg mit maximal 58 Plätzen. Weitere Unterkünfte sind die Gemeinschaftsunterkunft PKL, Haus 13 auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik mit 75 Plätzen, die Gemeinschaftsunterkunft Wichernstraße mit 50 Plätzen im ehemaligen Anna-Vogeley-Seniorenzentrum und die Gemeinschaftsunterkunft Böhmsholz, ein ehemaliges Landschulheim mit maximal 80 Plätzen. In der Ritterstraße besteht seit Mitte Januar im ehemaligen Gebäude der Jugendhilfe eine Unterkunft für maximal 50 Plätze.

BESUCH IN OCHTMISSEN 

Es herrscht wieder reger Andrang vor den Türen der Sozialarbeiterinnen, die ihr Büro in Haus 1 der Unterkunft haben. Bewohner warten vor der Tür des Büros, um Hilfe bei der Übersetzung ihres Schriftverkehrs zu erhalten. Das Arbeitspensum der zwei dort zuständigen Sozialarbeiterinnen ist sehr hoch. Bei einer kurzen Pause vor dem Büro wird sich angeregt unterhalten, doch lange Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht. Ein Bewohner hat Arzneimittel für sein Kind bekommen, kann jedoch der deutschen Packungsbeilage nicht entnehmen wie er das Medikament verabreichen soll. Auch das gehört zu den Aufgaben der Sozialarbeiterin, die kurzerhand die Packung öffnet und konzentriert den Beipackzettel studiert. Langsam, unter Gebrauch diverser Gesten und mit einfachem Deutsch erklärt sie dem Mann, wie das Medikament zu nehmen ist. Deutlich erleichtert und mit einem dankbaren Lächeln geht der Bewohner aus dem Gespräch. Bei einem anderen Besuche der Unterkunft treffe ich auf eine Gruppe von Grundschülern. Sie wurden durch das Heim geführt und bekamen die Gelegenheit sich mit den Bewohnern auszutauschen. Auch mein Interesse war geweckt und einer der Bewohner zeigte mir bereitwillig die Räumlichkeiten der Unterkunft: In den vier Wohncontainern gibt es mehrere Gemeinschaftsküchen und -bäder, je einen Gruppenraum und einen Wäschetrockenraum. In dreien der Häuser sind die Bewohner hauptsächlich in Doppelzimmern untergebracht. Hier wohnen aktuell überwiegend syrische Männer. Außerdem finden momentan insgesamt sechs Familien mit Kindern im Alter zwischen fünf Monaten und zwölf Jahren Zuflucht. Die genauen Zahlen ändern sich jedoch stetig, da Ein- und Auszüge regelmäßig auf der Tagesordnung stehen. Nachdem ich viel Negatives über die Art der Unterbringung der Geflüchteten in den Gemeinschaftsunterkünften gelesen hatte, erwartete ich von dem Bewohner, der mich rumführte, den einen oder anderen unzufriedenen Kommentar. Zu meiner Verblüffung äußerte er nichts dergleichen. Auch wenn vielleicht nicht alles optimal ist, sind die meisten Bewohner sehr dankbar, für das, was sie hier in der Unterkunft am Ochtmisser Kirchsteig haben. Kaum erreichen wir das Haus, in dem meine Begleitung sein Zimmer hat, kommt uns ein köstlich exotischer Duft aus der Gemeinschaftsküche entgegen. Immer der Nase nach, folgen wir ihm. Es ist Ramadan und einige der Bewohner bereiten gemeinsam das Essen für den Abend vor. Herzlich werde ich im Trubel von den Kochenden empfangen befinde mich schnell in einer fröhlichen Unterhaltung: Offen erzählen sie mir vom Ramadan, ihrer Situation und dem Stand ihres Asylverfahrens.

HILFE WIRD IMMER GEBRAUCHT

Oft wird in den Medien von gewaltsamen Auseinandersetzungen in diversen Gemeinschaftunterkünften berichtet. Dieses Bild kann – zumindest in Lüneburg – nicht bestätigt werden. Die Stimmung ist harmonisch, auch wenn eine gewisse Anspannung jederzeit spürbar bleibt. Dies sind Menschen, die versuchen aus ihrer mehr als prekären Situation das Beste zu machen. Dabei ist die Situation der Geflüchteten weiterhin schwierig. Hilfe wird immer gebraucht, denn es mangelt noch an Vielem. Durch das Engagement vieler NachbarInnen ist bereits ein grundlegendes Angebot an Aktivitäten, Rechtsbeihilfe und Sprachunterricht geschaffen worden. Das sind auch die Bereiche, in denen die meiste Unterstützung benötigt wird. Denn wie können die Geflüchteten die neue Kultur, mit der sie konfrontiert sind, kennenlernen, wenn es keine Menschen gibt, die ihnen diese näher bringen? Das Engagement vieler Lüneburger ist vorbildlich und sehr willkommen. Die sehr engagierten Freiwilligen in den bestehenden Unterkünften sind in einigen Angelegenheiten bereits überfordert, sodass man dringend auf die Unterstützung durch weitere Freiwillige angewiesen ist. Ich denke zurück an das silberne Auto, das langsam an der Gemeinschaftunterkunft am Ochtmisser Kirchsteig vorbeifuhr. Und plötzlich wird klar, was die Sozialarbeiterin meinte.

*Der Ramadan ist der islamische Fastenmonat und neunter Monat des islamischen Mondkalenders. In ihm wurde nach islamischer Auffassung der Koran herab gesandt, weshalb die erwachsene und gesunde Bevölkerung in diesem Monat fastet. Nach Sonnenaufgang und bis Sonnenuntergang darf nichts gegessen werden. Das Fest des Fastenbrechens  ndet im unmittelbaren Anschluss an den Fastenmonat statt und ist nach dem Opferfest der zweithöchste islamische Feiertag.

Von der Kunst, „ein gutes Ankommen“ zu organisieren.
„EINIGE VON IHNEN SIND ZU GUTEN FREUNDEN GEWORDEN“

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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