Foto nach dem Gespräch

„JEDER VON UNS PALÄSTINENSERN IST EIN BOTSCHAFTER“

IN EINEM GESPRÄCH MIT ZAHER, DER DEN STATUS EINES „STAATENLOSEN“ BESITZT.

PalästinenserInnen sind laut ihrem Ausweis staatenlos. Sie können deshalb viele Freiheiten, die wir als selbstverständlich erachten, nicht genießen. Wir haben mit Zaher über die Situation der Palästinenser geredet und nachgefragt, wie es ihm nun in Deutschland ergeht.

Seit etwa zwei Monaten hast du nun eine Aufenthaltsgenehmigung und darfst mit deinem Reisepass reisen. Das ist für PalästinenserInnen nicht selbstverständlich. Wie war das in Syrien?

In Syrien haben alle Palästinenser den Flüchtlingsstatus, wie hier die Geflüchteten. Wir sind offiziell staatenlos, für Palästinenser in der ganzen Welt ist es deshalb fast unmöglich zu reisen. Man bekommt einfach keine Einreiseerlaubnis in andere Staaten. Nicht einmal nach Palästina dürfen wir einreisen. Mein größter Traum ist es, in die Heimat meines Großvaters reisen zu können. Mein Großvater hat bei seiner Flucht aus Akko 1948 nur wenig mitgenommen, weil er dachte schnell zurückkehren zu können. Nur der Schlüssel zu unserem Haus dort ist uns von ihm geblieben.

War es deshalb für dich noch schwieriger, nach Deutschland zu kommen?

Ja, für mich kam außerdem nur Europa in Frage, da ich als Palästinenser in keines der anderen arabischen Länder  fliehen konnte.

Werden PalästinenserInnen in Syrien anders behandelt als syrische Staatsbürger?

Nach dem Gesetz haben Palästinenser in Syrien die gleichen Rechte wie syrische Staatsbürger. Wir dürfen aber beispielsweise nicht wählen. Auch in der Ausbildung, bei der Arbeit usw. werden wir benachteiligt. Syrien war jedoch alles in allem ein sehr gutes Land für Palästinenser – unsere Kultur ähnelt sich ja auch sehr. Für einige Menschen, die eine Abneigung gegen Palästinenser haben, ist es im Krieg einfacher geworden zu diskriminieren. Es gibt Checkpoints, an denen man als Palästinenser oft schwieriger vorbeikommt, immer mit der Angst verhaftet oder erschossen zu werden.

Du schreibst du hättest in Aleppo in einem Flüchtlingscamp gewohnt, wie kann man sich die vorstellen?

In Syrien nennt man die Palästinenserviertel immer noch Flüchtlingscamps, obwohl es lange keine Flüchtlingslager mehr sind. Es ist ein normales modernes Viertel, die Regierung hat den schrittweisen Ausbau zugelassen.

Du bist ein Palästinenser aus Syrien mit Asyl in Deutschland. Laut deinem Pass bist du „staatenlos“. Wo fühlst du dich zuhause?

In Syrien, vor dem Krieg, haben wir uns sehr sicher und wohl gefühlt. Außer, dass wir nicht wählen durften, waren wir gleichberechtigt. Ich bin in Syrien geboren und bin erst seit einem Jahr in Lüneburg. Ich fühle mich fremd, wenn ich nach Hamburg fahre und will immer wieder zurück nach Lüneburg. Aber natürlich fühle ich mich in Syrien heimatlich. Wir haben keinen Platz hier und keinen Platz in Syrien – ich bin staaten- und heimatlos. Die syrische Regierung will uns Palästinenser auch nicht wieder zurück, selbst, wenn ich zurück wollte.

Wie fühlst du dich hier in Deutschland?

Ich fühle mich nicht wohl, solange meine Familie noch in Syrien ist. Sobald wir alle wieder zusammen sind, bin ich glücklich. Die bürokratischen Hürden der Familienzusammenführung sind für uns besonders hoch, da die libanesischen Behörden meine Familie erst einmal einreisen lassen muss, damit sie dort zur deutschen Botschaft gelangen können. Wenn sie hier sind, würde ich gerne studieren. Jeder von uns Palästinensern ist ein Botschafter. Wir möchten der Welt zeigen, dass wir ein gebildetes, leider jedoch unterdrücktes Volk sind.

IMPRESSIONEN AUS DEM HEIM
Von der Kunst, „ein gutes Ankommen“ zu organisieren.

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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