Ines Gödeke und Nina Christandl

Von der Kunst, „ein gutes Ankommen“ zu organisieren.

Was sind Ihre schönsten Erlebnisse mit AsylbewerberInnen?

Da sind zum Glück sehr viele schöne Erlebnisse! Gerade wenn der positive Bescheid vom Bundesamt eingeht und Bewohner Ihre Aufenthaltserlaubnis erhalten, freut man sich immer sehr mit. Zur Zeit des Ramadans sind einige Bewohner im Büro kollabiert, als die Nachricht kam. Dieser Druck, der sich monatelang aufbaut, fällt von einem Tag auf den anderen von den Menschen ab. Wenn man dann gratulieren kann, sind das immer schöne Momente!

Wo sehen Sie die meisten Probleme?

Leider gibt es in Lüneburg keine gezielte Rechtsberatung für Flüchtlinge, da sehe ich eine große Lücke. Auch das Angebot der psychologischen, psychiatrischen Beratung ist begrenzt. Das PKL leistet tolle Arbeit hat aber eben auch nur begrenzte Kapazitäten. Viele Asylbewerber sind sehr belastet und oft auch traumatisiert. Um diese Versorgung abzudecken wäre ein weiterer Anlaufpunkt wünschenswert.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich für das Asylbewerberheim?

Für die tägliche Arbeit wäre es auf jeden Fall hilfreich, wenn das Bundesamt für Migration die Verfahrensdauer beschleunigen könnte. Man kommt in Erklärungsnot, wenn jeden Tag gefragt wird, wieso es so lange dauert bis endlich der Bescheid kommt. Auch auf Nachfragen beim Bundesamt für Migration gibt es keine nachvollziehbaren Antworten. Was das Thema Ehrenamt betrifft, so fehlt an dieser Stelle noch eine bessere Koordination. Der unglaublich große Zustrom an Menschen die unterstützen wollen, hat uns von Beginn an wahrlich sprachlos gemacht. Es ist einfach nur toll mit welcher Offenheit und welchem Engagement einem hier begegnet wird. Dieser sehr große Zustrom an Ehrenamtlichen will aber auch organisiert sein, damit unsere Hauptaufgabe dabei nicht in den Hintergrund gerät. Wir haben das Glück, dass hier in Ochtmissen eine große Bereitschaft vorhanden ist zu helfen. Für unsere tägliche Arbeit stellt das eine Entlastung dar und für die Bewohner eine sehr große Bereicherung und ein absolutes Willkommensgefühl. Ich  nde das einmalig und bestimmt nicht selbstverständlich.

Fällt es Ihnen schwer Privates und Berufliches zu trennen?

Meistens nicht, manchmal doch. Ich bin auch nur Mensch und es gibt sie, die Momente, wo ich erst mal durchatmen muss. Ich frage niemanden nach seinen Fluchtgeschichten. Das ist auch nicht wichtig für die Arbeit, die ich hier mache. Natürlich erzählen dir viele von sich aus ihre Erlebnisse. Da muss man dann gut trennen können, sonst kann man keine gute Arbeit machen. Zumal wir zu zweit für 100 Personen ansprechbar sind. Es ist eine besondere Situation, weil man ja direkt in der Intimsphäre der Bewohner, also im Wohnbereich, arbeitet. Das ist natürlich anders als in einer Beratungsstelle mit geregelten Sprechzeiten. Umso wichtiger ist hier eine klare Abgrenzung. Hat sich Ihre Sicht auf Flüchtlinge durch die Arbeit verändert? Ich hatte keine vorgefertigte Meinung zum Thema Geflüchtete. Ich sehe mir keine Nachrichten mehr an, denn ich muss auch mal abschalten. Doch aufgrund der aktuellen Situation ist das im Augenblick eigentlich nicht mehr zu umgehen. Wenn man mit betroffenen Menschen arbeitet, verändert das die Sicht natürlich. Man tritt in direkten Kontakt mit den Menschen, deren Schicksale der ‚Normalbürger’ nur aus den Nachrichten kennt. Für mich persönlich ist es eine tägliche Bereicherung im Austausch mit Menschen zu sein, die Dinge anders sehen und erleben als ich.

Wie empfinden Sie die Atmosphäre im Asylbeweberheim?

Innerhalb der Gemeinschaftsunterkunft ist es tendenziell sehr harmonisch und eher familiär. Die Bewohner kommen hauptsächlich aus derselben Kultur womit Konflikte von vornherein minimiert werden können. Es herrscht ein Miteinander unter den Bewohnern die sich gegenseitig sehr unterstützen. In Bezug auf die Nachbarschaft ist es hier in Ochtmissen einfach nur Bilderbuchhaft. Freundlich, offen und vor Allem unglaublich hilfsbereit. Ausschließlich so erlebe ich bislang jeden Einzelnen ‚Nachbarn’.
Lüneburg ist in jedem Fall eine Vorzeigestadt für eine sehr gute Willkommenskultur. Das ist wirklich schön!

„JEDER VON UNS PALÄSTINENSERN IST EIN BOTSCHAFTER“
LEBEN AM BIRKENWÄLDCHEN

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Categories: 1. Ausgabe 2016

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