Ines Gödeke und Nina Christandl

Von der Kunst, „ein gutes Ankommen“ zu organisieren.

NINA CHRISTANDL ARBEITET SEIT NOVEMBER ALS SOZIALARBEITERIN IN DER OCHTMISSENER ASYLBEWEBERUNTERKUNFT UND ERZÄHLT UNS VON IHRER ARBEIT UND IHREN ERLEBNISSEN MIT GEFLÜCHTETEN.

Was sind Ihre Aufgaben als Sozialarbeiterin in der Gemeinschaftsunterkunft?

Zu unseren Hauptaufgaben zählt u.a. die Abklärung des Gesundheitszustandes, die Vermittlung zu Ärzten, Schulen, Kitas Beratungsstellen und Sprachmittlern… die Koordination von Ehrenamt, die Alltagsstrukturierung und vor Allem die Organisation des Zusammenlebens in der Unterkunft. Wenn die Flüchtlinge in Lüneburg ankommen, werden Sie von uns meist am Bahnhof abgeholt und dann zu den wichtigsten Behördengängen begleitet. Wir sind der Meinung, dass ‚ein gutes Ankommen’ maßgeblich ist, für die weitere, gute Zusammenarbeit mit den Bewohnern der Unterkunft. Besonders die Wohnungssuche ist sehr zeitintensiv, und auch an dieser Stelle sind wir sehr froh, wenn wir auf die Hilfe von Ehrenamtlichen zurückgreifen können.

Wie haben Sie sich auf Ihre Arbeit vorbereitet?

Grundsätzlich basiert unsere Arbeit auf „learning by doing“. Neben der Möglichkeit Fortbildungen zu besuchen, ist das Internet immer eine gute Informationsquelle. Vor allem wenn es um Gesetzesneuerungen geht. Gerade im Bereich Asyl gibt es laufend Änderungen und um da am Ball zu bleiben, wird immer gerne auf seriöse Internetseiten zurückgegriffen. Zudem habe ich das Glück mit einer Kollegin zusammenzuarbeiten, die auf einen enormen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann und mit der die Arbeit einfach Spaß macht.

Wie sieht Ihr Alltag im Asylbewerberheim aus?

Es gibt keinen Alltag. Jeder Tag gestaltet sich anders und wir arbeiten sehr flexibel. Aufgrund der langen Wartezeiten im Asylverfahren, gibt es sehr viele Fragen zum laufenden Verfahren. Die Bewohner sind dadurch mehr belastet und stehen mitunter am Rande der Verzweiflung. Besonders schwierig ist dies immer dann, wenn Bewohner mit scheinbar gleichen Voraussetzungen unterschiedlich lange auf die Entscheidung des Bundesamtes warten müssen. Es gibt beispielsweise eine Bewohnerin, die vor 2 Wochen angekommen ist und jetzt schon ihre Aufenthaltserlaubnis erhalten hat. Das hatten wir noch nie! Auf der anderen Seite wohnen hier Menschen mit scheinbar gleichen Voraussetzungen, die seit mehr als 7 Monaten warten.

 

Inwiefern entspricht die Arbeit mit den AsylbeweberInnen Ihren Erwartungen?

Ich hatte keine speziellen Erwartungen. Ich bin ganz offen auf die Arbeit zu gegangen, weil für mich ohnehin alles neu war. Ich bin auf jeden Fall zufrieden und schätze die abwechselnde Tätigkeit sehr, wenngleich es auch manchmal einen langen Atem braucht, sich auf ständig wechselnde Gegebenheiten einzustellen. Man muss sich die Strukturen immer wieder neu schaffen und flexibel sein.

Was war bisher die schwierigste Aufgabe als Sozialarbeiterin?

Richtig schwierig wird es nur dann, wenn man sich bewusst auf einzelne Schicksale einlässt. Deshalb versuche ich das zu vermeiden, schließlich will ich ja langfristig arbeitsfähig bleiben. In der Praxis gelingt das nun nicht immer zu hundert Prozent. Da gab es wohl die ein oder andere Situation die mich unvorbereitet erwischt hatte. Gerade im Bezug auf schreckliche Fluchterlebnisse. Eine Abschiebung hatten wir hier glücklicherweise noch nicht, aber die Bewohner sind natürlich hoch belastet, wenn eine Abschiebung droht. Man muss schauen, wie man damit umgeht. Auch gab es beispielsweise einen Bewohner der mit einem Familienfoto ins Büro kam und mich unter Tränen bat, ich möge das dies doch ans Bundesamt schicken, weil er einfach nicht nachvollziehen konnte, wie man ihn so lange auf einen Entscheid warten lassen kann, wo doch Frau und Kind in Syrien täglich ums Überleben bangen. Das sind natürlich schon emotionale Momente.

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„JEDER VON UNS PALÄSTINENSERN IST EIN BOTSCHAFTER“
LEBEN AM BIRKENWÄLDCHEN

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Categories: 1. Ausgabe 2016

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