Ankommende Flüchtende

MEINE FLUCHT NACH DEUTSCHLAND

ÜBERS MITTELMEER NACH EUROPA

Mustafa erzählt uns von seinen Erlebnissen auf der Flucht von Syrien nach Deutschland.

Ich bin palästinensischer Syrer und bin in Damaskus in einem Palästinenser-Camp geboren und aufgewachsen.

Die Situation war unmenschlich, einige mussten sich von wilden Pflanzen ernähren.

Als der Krieg im März 2012 begann, wurden zunächst die umliegenden Siedlungen bombardiert. Da das Camp ein neutrales Gebiet darstellte, welches an keine bestimmte ethnische Gruppe gebunden war, flohen die Menschen aus der Umgebung in das Camp. Normalerweise ist der Raum für 800.000 Menschen ausgelegt, während der Kriegssituation waren es jedoch mindestens zwei Millionen Menschen. Dadurch mangelte es an Platz. Im Dezember 2012 begannen heftige Bombardierungen auf das Camp und die Situation verschlimmerte sich massiv, sodass ich mit einem Teil meiner Familie, aber ohne meinen Vater, das Camp verlassen musste.

Alle Angehörigen meiner Familie, die dort geblieben sind, sind gestorben.

Zu diesem Zeitpunkt  flohen etwa eineinhalb Millionen Menschen aus dem Camp. Im Mai 2013 wurde das gesamte Camp abgesperrt, es gab weder Essen, noch Strom, noch Wasser: alle Versorgungswege waren abgeschnitten. Die Eingeschlossenen haben sogar wilde Pflanzen gegessen, einige sind an giftigen Pflanzen gestorben. Mein Onkel versuchte einmal, das Camp zu verlassen und wurde verhaftet. Mein Vater verstarb an einem Hungertod. Das war für mich wie das Ende der Welt. Alle Angehörigen meiner Familie, die dort geblieben sind, sind gestorben.

Im ersten Ankunftsland Libanon wurde ich diskriminiert.

Da meine Einziehung in die syrische Armee drohte und ich auf keinen Fall andere Menschen töten wollte, verließ ich notgedrungen meine Familie und  oh in den Libanon. Im Libanon lebte ich dann ein Jahr und vier Monate bei meinen Verwandten und Bekannten, wo ich immer wieder ein paar Tage unter kam. Die libanesische Bevölkerung ist den syrischen Staatsangehörigen palästinensischer Herkunft gegenüber negativ eingestellt. Die Menschen griffen uns Palästinenser in unseren Häusern an. Die im Libanon einflussreiche Hisbollah unterstützt das syrische Regime und ist gegenüber den Menschen, die aus Syrien fliehen, feindlich eingestellt. In Beirut galt ab 21 Uhr eine Ausgangssperre für Menschen aus Syrien, bei Verstoß wurde man inhaftiert. Mir drohte eine Abschiebung durch die libanesische Regierung zurück nach Syrien, da meine Aufenthaltserlaubnis nur für drei Monate galt. Ich konnte sie einmal verlängern und blieb dann illegal im Libanon. Aus diesem Grund entschied ich mich in das europäische Land Deutschland zu kommen, wo meine Tante seit eineinhalb Jahren in Dortmund lebt.

In der Sahara wurden wir von einer Gruppe überfallen, die uns alles abnahm.

Ankommende FlüchtendeIch kontaktierte einen Schlepper, der für die gesamte Strecke aus dem Libanon nach Italien 6500 US-Dollar verlangte. Die erste Etappe war der Flug aus dem Libanon in den Sudan.
Dort wurden wir Flüchtlinge von sudanesischen Helfern der Schlepper in einem stark abgenutzten Pick-up abgeholt. Wir haben mit zweiundzwanzig Personen bei unglaublicher Hitze die Sahara durchquert. Die Fahrt dauerte neun Tage. Am dritten Tag wurden wir in der Wüste überfallen. Die Räuber nahmen uns alle wertvollen Gegenstände und die Nahrungsmittel ab, sodass wir die restlichen Tage zwar mit Wasser, aber fast ohne Essen – jeder bekam pro Tag eine Dattel – , geschweige denn medizinischer Versorgung, weiter reisen mussten. Aufgrund der sengenden Sonne verstarb einer aus unserer Gruppe, wir mussten ihn in der Wüste begraben. Am neunten Tag erreichten wir schließlich Libyen, wo die weitere Reise über den Seeweg nach Europa führen sollte.

Während der Überfahrt mit dem Boot erlitt ich Todesängste.

In dem Boot, das uns nach Italien bringen sollte, befanden sich weitere 400 Menschen, die aus Eritrea, Somalia, Bangladesh und dem Sudan stammten. Vorgesehen war das Boot für maximal 120 Personen, weshalb wir alle eingeengt tagelang in einer Sitzposition verharren mussten.

Am dritten Tage der Fahrt gelangte Wasser in das undichte Boot, sodass Panik ausbrach und wir fürchteten, dass das Boot untergeht. Währenddessen erlitt ich Todesängste und wusste nicht, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde.
Am vierten Tag wurde unser Boot von einem großen Schiff des Roten Kreuzes gesichtet. Alle Personen wurden in das Boot des Roten Kreuzes geholt, auf dem wir dann ein wenig Reis zu essen bekamen. Vom Roten Kreuz wurden wir schließlich nach Catania (Italien) ans Festland gebracht, wo wir von Bussen abgeholt wurden. Die Mitarbeiter des Roten Kreuzes sagten uns, dass wir von den Bussen ins Krankenhaus gebracht werden würden.

Wir wurden verprügelt und unter Beruhigungsmittel gesetzt, damit die Polizei, gegen unseren Willen, Fingerabdrücke abnehmen konnten.

Wir erhielten zunächst keine Versorgungen und wurden umgehend zu den Bussen geleitet. Jeder Bus wurde jeweils von zwei Polizeiwagen, einer vorne und der andere hinten, begleitet.
Allerdings gelangten wir nach einer neunstündigen Busfahrt nicht zu einem Krankenhaus, sondern um drei Uhr nachts zu einer Polizeistelle.
Wir wurden nicht gefragt, ob wir einen Asylantrag stellen wollten, sondern gleich nach der Ankunft in der Polizeistelle dazu aufgefordert, unsere Fingerabdrücke abzugeben. Ich wollte keinen Asylantrag in Italien stellen, da ich zu meiner Familie nach Deutschland wollte und die Polizisten sich uns Flüchtlingen gegenüber sehr unmenschlich verhielten: direkt nach unserer Ankunft wurde uns unser Gepäck weggenommen, wir durften nicht auf die Toilette gehen und bekamen kein Wasser.
Daher verweigerten sowohl ich als auch die anderen fünfzig anwesenden Flüchtlinge die Abgabe ihrer Fingerabdrücke.
Daraufhin prügelten die Polizisten uns mit Schlagstöcken auf Arme, Beine und Hüften und zwangen uns, indem sie unsere Hände packten und auf die elektronischen Scanner drückten, unsere Fingerabdrücke abzugeben. Einigen Flüchtlingen wurden auch Beruhigungsmittel verabreicht, die als „Bonbons“ ausgegeben wurden. Die Betroffenen gaben in halbwachen Zustand ihre Fingerabdrücke ab. Auch mir wurden Beruhigungsmittel verabreicht, die mich benebelten.
Um sieben Uhr früh wurden wir in einem Bus in eine abgelegene Region gebracht und dort am Straßenrand zurückgelassen.
Einer von uns konnte ein bisschen Englisch, sodass wir zum Bahnhof der Ortschaft fanden. Wir hatten noch etwas Geld, von dem wir uns Zugtickets nach Mailand kauften. Wir halfen uns gegenseitig mit Geld aus, damit alle mitkommen konnten.
In Mailand warteten wir auf das Geld, welches uns unsere Familienangehörigen schicken wollten. Deshalb verbrachten wir eine Nacht am Bahnhof und schliefen auf Kartons. Es war sehr kalt und ich war sehr erschöpft von der bisherigen Flucht, sodass ich kaum noch Kraft hatte. Ich wurde sehr krank, hatte eine starke Grippe und am ganzen Körper Schmerzen.
Die Situation war sehr nervenaufreibend und ich stand dauerhaft unter Stress. Am Bahnhof standen Händler, die Geld von Geflüchteten kassierten und ihre Weiterfahrt organisierten.
So fanden wir auch einen Mann der uns ein Ticket nach Verona und dann nach München kaufte. Hierfür verlangte er zusätzlich zu den Fahrtkosten 10 Euro „Bearbeitungsgebühr“ pro Person.
Angekommen sagten mir meine Bekannten und Familienangehörigen in Deutschland, dass ich in Friedland einen Asylantrag stellen sollte. Dies tat ich im September 2014, am Tag meiner Ankunft in Deutschland, mit meinen Wegbegleitern, welche heute mit mir in derselben Flüchtlingsunterkunft wohnen.

Flucht nach Europa

Karikatur von S. Alhamdan

Anm. d. Red.: Mustafas Asylantrag wurde für unzulässig erklärt.
Ihm droht nun die Abschiebung nach Italien. Aufgrund der katastrophalen Zustände für Geflüchtete dort und die Misshandlung durch die italienische Polizei hat er große Angst davor.

WAS NACH DER ANKUNFT FOLGT
„MEINE ZUKUNFT IST IN DEUTSCHLAND“

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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