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ANKUNFT IM BEHÖRDENDSCHUNGEL

WAS PASSIERT NACH DER ANKUNFT IN DEUTSCHLAND?

Flüchtende, die die Grenze überwunden haben, können in jeder Behörde, auch bei der Polizei, einen Asylantrag stellen. Sie werden dann zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung geschickt: ein großes, oft eingezäuntes Gelände mit Polizei, ÄrztInnen, Kantine und Schlafsälen für viele Personen.

Im Erstaufnahmelager müssen die Asylsuchenden erst einmal wohnen. Sie werden registriert und von der Asylbehörde über ihre Fluchtgründe befragt. Sie erhalten eine Aufenthaltsgestattung, die es ihnen erlaubt in Deutschland zu bleiben, bis über den Asylantrag entschieden ist. Die meisten Bewohner der Ochtmisser Unterkunft waren zuerst in Friedland untergebracht.  Nach drei Monaten in der Erstaufnahmeeinrichtung werden sie einer bestimmten Stadt oder einem Landkreis zugewiesen. Die Unterbringung ist – je nach Ort – unterschiedlich: Mal ist es eine eigene Wohnung, mal ein Bett im Lager.  

IN DER WARTEZEIT: AUFENTHALTSGESTATTUNG

Erstaufnahmeeinrichtung FriedlandBis zur Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge bekommt man eine Aufenthaltsgestattung. Diese verbietet die Erwerbstätigkeit für die ersten drei Monate, danach haben Deutsche oder EU-BürgerInnen Vorrang. Der oder die ArbeitgeberIn muss dann begründen, wieso ausgerechnet ein/e AsylbewerberIn eingestellt werden soll. So ist es vorerst schwierig, eine Arbeitsstelle zu  nden. Außerdem besteht für die ersten drei Monate Residenzp icht: Um das Residenzgebiet verlassen zu dürfen, muss man sich vorab eine Genehmigung einholen. Die Wartezeiten im Asylverfahren sind mal länger, mal kürzer. In der Ochtmisser Unterkunft betragen sie im Schnitt acht Monate.

 

NACH DER ENTSCHEIDUNG

Positiv: Aufenthaltserlaubnis
Bei positiver Entscheidung des Bundesamtes erhält man eine befristete Aufenthaltserlaubnis, die in den meisten Fällen bei drei Jahren liegt und gegebenenfalls verlängert werden kann. Mit der Aufenthaltserlaubnis erhält man weitestgehend die gleichen sozialen Rechte wie deutsche Staatsbürger. Für Geflüchtete ist besonders wichtig, dass sie nun keine Einschränkungen mehr bei der Arbeitssuche haben und ihre Familie nachholen können. Nun stehen sie vor der Aufgabe, sich zu integrieren und deutsch zu lernen. Die Teilnahme an Sprachkursen und Kursen zur deutschen Kultur ist für sie verpflichtend.
Negativ: Ausreisepflicht / Duldung
Bei negativer Entscheidung des Bundesamtes wird man aufgefordert, das Land zu verlassen. Sollte man dies nicht freiwillig tun, droht die zwangsweise Abschiebung. Oft wird man aber nicht sofort abgeschoben, sondern vorerst geduldet. Die Duldung ist die schwächste Form eines Aufenthaltsstatus, mit wenig sozialen Rechten. Es kann vorkommen, dass abgelehnte Asylbewerber jahrelang mit einer Duldung in Deutschland leben: etwa 87.000 Menschen werden derzeit in Deutschland geduldet.  

 

FAMILIENNACHZUG - DEUTSCHE BÜROKRATIE AM LIMIT

Familie am Lüneburger Bahnhof

Lang ersehnt: Mohammad begrüßt seine Familie am Lüneburger Bahnhof

Noch immer gibt es kaum Möglichkeiten legal nach Europa zu fliehen. Der illegale Weg ist lebensgefährlich, wie uns tausende Tote im Mittelmeer vor Augen führen. Viele Familienväter möchten ihren Frauen und Kindern die Flucht deshalb nicht zumuten, sondern machen sich alleine auf den Weg. Ihr Plan ist, nach Erhalt der Aufenthaltserlaubnis einen Antrag zum Familiennachzug zu stellen und ihre Familie dann legal per Flugzeug nachzuholen. Als „anerkannter Flüchtling“ hat man das Recht auf den Nachzug des Ehepartners und der minderjährigen Kinder. Der Antrag muss bei der Botschaft eines Landes gestellt werden, das die Familie von der Heimat aus erreichen kann. Die meisten Syrer wenden sich an die deutsche Botschaft im Libanon, die nun völlig überlastet ist. So kann es mehr als acht Monate dauern, bis die Familie einen Termin zur Anhörung in der Botschaft erhält. Für die Anhörung werden verschiedene Dokumente zum Nachweis der Verwandtschaft benötigt, deren Beschaffung sich im Krieg als schwierig gestaltet. Auch der Weg zur Botschaft ist lebensgefährlich: die Familie muss an Checkpoints verschiedener Milizen vorbei, unter anderem des IS. Angekommen an der Grenze zum Libanon ist unklar, ob sie die Grenze überhaupt überqueren dürfen. Wenn die Familie es zur Anhörung mit allen nötigen Dokumenten geschafft hat, vergehen erneut einige Monate des Wartens. Die Botschaft entscheidet nun, ob der Familiennachzug gestattet wird. Während der langen Wartezeiten stehen die Väter unter einem hohen psychischen Druck: Da ihnen die Hände gebunden sind, bleibt ihnen meist nicht viel anderes übrig, als zu beten und darauf zu hoffen, dass sie ihre Familien wohlbehalten wiedersehen.

LÜNEBURGER KOMMENTARE ZUR FLÜCHTLINGSTHEMATIK
WAS NACH DER ANKUNFT FOLGT

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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