Amin beim Deutschunterricht

Aus einer Patenschaft wurde Freundschaft

INTEGRATION AUF EINER GANZ PERSÖNLICHEN EBENE

Angela wohnt im Stadtteil Ochtmissen in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft am Ochtmisser Kirchsteig in Lüneburg. Die 52-Jährige hat in Zentrumsnähe eine private Arztpraxis für Traditionelle Chinesische Medizin. Zusätzlich zu ihrer Selbstständigkeit und der Verantwortung für ihre fünfköpfige Familie, übernahm sie im Februar 2015 eine Patenschaft mit einem der Bewohner der Ochtmisser Gemeinschaftsunterkunft. Wiederholt trafen wir sie dort in Begleitung ihres Paten Amin an und baten sie schließlich uns von ihren Erfahrungen zu berichten.

Wenn ein Flüchtlingsheim direkt in der eigenen Nachbarschaft entsteht, sind viele AnwohnerInnen zunächst verunsichert, da sie nicht genau wissen, wer in den Unterkünften Tür an Tür mit ihnen wohnen wird. Was meinst du dazu?

Ochtmissen ist ein kleines Dorf, viele kennen sich untereinander. Informationen im Vorwege sind generell wichtig. Ich glaube das ist hier ganz gut gelaufen. Ein Magazin mit Informationen über das Leben der „neuen Nachbarn“, kann auch helfen Hemmschwellen abzubauen und ermuntert unter Umständen auch andere, sich selbst zu engagieren. Aber die Menschen haben einfach zu viel auf dem Zettel und sind dementsprechend zu beschäftigt. Gut – ich bin auch ziemlich beschäftigt, aber ich dachte mir einfach, vielleicht hast du doch noch etwas Zeit übrig, um einfach auch mal etwas anderes – und vor allem auch Sinnvolles – zu machen.

Welche Reaktionen gab es bei den AnwohnernInnen bezüglich der Errichtung eines Flüchtlingsheims in Ochtmissen?

Ich höre nur Positives. Ich habe das Gefühl, dass das Camp gut angenommen wurde. Viele Menschen in meinem Umfeld finden es ganz toll und „inspirierend“, dass ich mich dafür engagiere.

Amin beim Deutschunterricht

Sprache ist wichtig – Angela, ihre Tochter Manisha und Amin beim privaten Deutschunterricht


Was waren deine Beweggründe für die die Patenschaft?

Also, zum einen, weil ich Integration als extrem wichtig erachte und es nicht gut  nde, wenn man nur darüber redet. Integration ist das absolute Nonplusultra, um Kriminalität und das Abrutschen in der Gesellschaft zu verhindern. Ich  finde man tut den Menschen, die hier neu ankommen, und am Ende ja auch sich selbst, den größten Gefallen, indem man ihnen offen und positiv begegnet und ihnen einfach dabei hilft anzukommen und in der Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Bei vielen Deutschen spielt die Angst in Bezug auf Flüchtlinge eine große Rolle. Viele, oft diffuse, Ängste bestehen auch aus Unwissen. Ich hatte diese Ängste nicht und wollte einfach schauen, ob ich irgendwie bei der Integration helfen kann. Darüber hinaus ist es mir wichtig, meinen Kindern vorzuleben, offen für andere Kulturen zu sein, keine Angst vor dem Fremden zu haben, sich in allen Lebenslagen vorurteilsfrei zu bewegen und sich immer zuerst eine eigene Meinung zu bilden. Dies auch besonders im Umgang mit so präsenten Themen, wie die der Flüchtlingsthematik. Nächstenliebe lebt nicht davon, dass man über sie redet, sondern davon, dass man sie lebt.

Wie sieht eine Patenschaft aus?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten sich zu engagieren. Am Anfang stehen viele Behördengänge an. Viele Flüchtlinge sprechen zwar Englisch, aber brauchen doch Unterstützung. Einkäufe, das Zeigen der Stadt, aber vor allem die Vermittlung der Sprache sind wichtig. Ich bin keine Lehrerin, aber Einzelunterricht konnte ich mir schon vorstellen, zumal das Lehrmaterial von den Sozialarbeiterinnen zur Verfügung gestellt wird. Aber auch mentale Unterstützung: Gerade wenn Probleme da sind, wie es bei fast allen Geflüchteten der Fall ist, ist das Gespräch einfach extrem wichtig. Ein offenes Ohr zu haben und einfach Zeit miteinander zu verbringen, Ablenkung vom Warten. So kam es zustande, dass ich die Patenschaft zu Amin übernommen habe, welche sich mittlerweile zu einer schönen Freundschaft entwickelt und ihn in meine Familie integriert hat. Er ist eine große Bereicherung für unser Leben – und auch für Amin sind wir wie Familie. Er hat zudem noch ein weiteres Ehepaar, das ihn unterstützt und denen er sich sehr nahe fühlt. Im Grunde genommen stellt man eine Art Familienersatz dar, denn seine Frau und Kinder sind ja noch in Syrien.

Wie lange dauert eine Patenschaft?

Das ist sicher unterschiedlich und hängt nicht nur davon ab, wie man sich persönlich versteht, sondern auch vom persönlichen Engagement und Zeiteinsatz. Amin hat mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung und macht einen Integrationskurs. Die Patenschaft entwickelt sich weiter, Hausaufgabenhilfe, Deutsch sprechen und auch Ideen entwickeln, wie er seinen Beruf als Modedesigner hier in Deutschland ausüben kann. Außerdem wird seine Familie kommen. Es wird also nicht langweilig. Wenn man, wie in meinem Fall, einfach die Kultur und die Menschen kennenlernen möchte, gibt es eigentlich kein Ende einer Patenschaft.

Wird in den Gesprächen viel über das Erlebte bei der Flucht und über die Trennung von der Familie gesprochen?

Die Flucht ist nur ein Bruchteil der Themen bei denen Redebedarf besteht. Die meisten wollen gar nicht dauernd über ihre Flucht und die Erlebnisse sprechen. Das war nur am Anfang bei den Gesprächen sehr prägend, aber irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man viel lieber über die Heimat erzählt. Ich kann im Falle von Amin nur von Syrien sprechen, aber die Begeisterung für das Heimatland ist deutlich spürbar und natürlich vermisst man die eigene Heimat. Ich hatte bereits vorher ein großes Faible für die arabische Kultur und das Essen, deshalb sind gerade diese Gespräche für mich auch sehr interessant.

Was waren die schönsten Momente während der Patenschaft?

Natürlich als die Aufenthaltsgenehmigung kam. Das war ein ganz glückseliger Moment. Es gab immer wieder schöne Tage. Aber dieser Tag war schon ein ganz besonderer, weil man darauf schon die ganze Zeit hingearbeitet hat und immer dieses Damoklesschwert der Abschiebung über den Asylbewerbern schwebt. Wenn dann der entscheidende Brief ins Haus flattert, ist das schon echt toll.

Was nimmst du persönlich aus dieser Zeit mit, auch hinsichtlich Kultur und Mentalität deines Paten oder Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten in der Lebensweise?

Ich nehme vieles, besonders aus den Gesprächen mit Amin mit. Beispielsweise über Syrien und über Amins Heimatstadt Aleppo. Außerdem generell die arabische Ausdrucksweise, sie ist sehr blumig und auch die Denkweise ist sehr blumig und sehr ausgeschmückt und das  nde ich einfach sehr schön. Außerdem die Bedeutung der Familie, die noch die Großfamilie ist, die Gemeinschaft die daraus erwächst, die Achtung gegenüber den Eltern. Aber auch die Gemeinschaft im Flüchtlingscamp ist einfach sehr nett, zumindest bei denen, die ich hier kennenlernen durfte. Ich empfand das Miteinander als sehr angenehm und wurde immer freundlich und äußerst hö ich behandelt. Die Gemeinschaft ist wichtig: Menschen, die alleine sind, gibt es in Syrien scheinbar nicht. Sogar zum Hund ausführen nimmt man einen Freund mit, wie mir Amin einmal sagte, als er einen, in seinen Augen einsamen Mann dabei beobachtet hatte.

Amin ist froh

Amin ist froh über die Unterstützung von Angelas Familie


War dein Pate daran interessiert etwas über die deutsche Kultur und Mentalität zu lernen?

Amin ist absolut an beidem interessiert und stellt viele Fragen. Wir vergleichen gerne Sprichwörter und stellen oft fest, dass vieles sehr ähnlich ist. Außerdem hat er gelernt, dass Deutsche auch Humor haben und auch lachen. Er  ndet die Deutschen ganz toll und ist sehr dankbar für die Offenheit und Hilfe.“

Welche Tipps hast du für an einer Patenschaft Interessierte?

Man sollte ein bisschen Zeit haben und ansonsten Spaß und Interesse daran mit Menschen zu tun zu haben und miteinander in Kontakt zu treten. Auch ein paar Englischkenntnisse helfen. Die Möglichkeiten für Engagement sind vielfältig. Auf jeden Fall braucht man keine Angst zu haben. Ich mag Menschen einfach und glaube auch immer erst einmal an das Gute in ihnen. Ich glaube nicht: Da kommen die Kriminellen. Kriegsflüchtlinge kommen nicht von Vornherein hier nach Deutschland um Böses im Schilde zu führen. Ich bin fest der Meinung, und auch da gibt es sicherlich Ausnahmen, dass viele Asylsuchende hier in Deutschland erst kriminalisiert werden, weil sie eben oft schlechte Startbedingungen haben und keine echte Chance bekommen, sodass ihnen vielleicht oft nichts anderes übrig bleibt. Klar da gibt es Ausnahmen – ganz bestimmt, aber ich denke erst einmal primär kommen sie hierhin, also gerade die syrischen Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet, weil sie dort einfach nicht weiter leben können. Also einfach ins Büro der Sozialarbeiterinnen gehen, und fragen. Der Rest entwickelt sich von alleine.

„OFTMALS REICHT ES, SICH EINFACH KENNENZULERNEN“
IMPRESSIONEN AUS DEM HEIM

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: