Kerstin Hedelt, die Expertin für das Dublin III Verfahren

Aufklärung ist notwendig!

IM GESPRÄCH MIT KERSTIN HEDELT ÜBER DIE LAGE DER ASYLBEWERBERINNEN IM DUBLIN III VERFAHREN

Eigentlich ist Kerstin Hedelt durch Zufall in das Thema Dublin III hineingeraten. Nun fungiert sie als Ansprechperson für AsylbewerberInnen und als Bindeglied zwischen Rechtsanwälten und Geflüchteten. In Lüneburg gibt es keine Anlaufstelle für die Rechtsberatung zum Asylverfahren.
Sie erzählt von der Hilflosigkeit vieler und betont, wie essentiell Aufklärung ist.

Kerstin Hedelt, die Expertin für das Dublin III Verfahren

Kerstin Hedelt, die Expertin für das Dublin III Verfahren der Willkommensinitiative in Lüneburg, im Gespräch mit Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft am Ochtmisser Kirchsteig.

Hast du dich bei deinem Engagement auf einen bestimmten Bereich spezialisiert?

Ja, zunächst habe ich die Teestunde besucht, wollte mich dann aber noch anders engagieren. In der Teestunde habe ich schließlich Ismail, einen kurdischen Geflüchteten aus Syrien, kennengelernt und ihm Gitarrenunterricht gegeben. Die Flüchtlinge stellten mir Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Ich fing an, mich mit der rechtlichen Lage zu beschäftigen und ehe ich mich versah, war ich plötzlich mittendrin.
Zuvor hatte ich keine Ahnung von den europäischen Gesetzmäßigkeiten, geschweige denn dem Dublin- und Asylverfahren. Im Hauruckverfahren habe ich eine Art Selbststudium gemacht, um Durchblick zu erhalten. Ich kenne das von mir: Wenn mich etwas besonders interessiert, dann habe ich ein bestimmtes Thema innerhalb weniger Wochen verinnerlicht.

Wie gut sind die AsylbewerberInnen über das Dublin- und Asylverfahren informiert?

Ich war sehr über den Wissensstand der AsylbewerberInnen erstaunt. Vor allem, weil dieser völlig unterschiedlich ist. Auf der einen Seite gibt es die, die blauäugig geflohen sind und keine Ahnung von der Fingerabdruckabnahme im Dublinverfahren hatten. Auf der anderen Seite gibt es die, die umfassend informiert sind. Besser als die deutsche Bevölkerung. Im Vorfeld bereiten sie sich gründlich vor, indem sie sich mit den Fluchtwegen beschäftigen und welche Antworten sie der Polizei geben sollen. Auf meine Frage hin, welche Quellen sie nutzen, verwiesen sie auf das funktionierende Netzwerk unter den Flüchtlingen: Von einem zum nächsten werden Erfahrungen innerhalb der Familien, Verwandten und Bekannten weitergegeben. Außerdem gibt es eine arabischsprachige Facebook-Internetseite, auf der sich die Flüchtlinge über ihre Dublin III Erfahrungen, die sie in Europa machen, austauschen können.

Sobald Asylsuchende in Deutschland ankommen, haben sie das Recht über das Asyl- und Dublinverfahren informiert zu werden. Dafür gibt es Broschüren vom Flüchtlingsrat. Sind diese Broschüren ausreichend?

Ich sehe, dass es in Lüneburg eine unzureichende Rechtsberatung für Flüchtlinge gibt. Die AsylbewerberInnen müssen sich selbstständig einen Rechtsanwalt suchen. Das ist eine große Herausforderung. Die Broschüren  nde ich sehr informativ. Sie enthalten beispielsweise Verweise auf Sprachkurse, sollen in den Unterkünften ausgelegt sein und sind in vielen Sprachen vorhanden. Allerdings sind mir öfters Flüchtlinge begegnet, die noch nie zuvor so eine Broschüre in der Hand gehabt haben. Sie wussten nicht, dass Informationspapiere in ihrer Sprache existieren.

Werden die AsylbewerberInnen über die finanziellen Kosten für das Asylverfahren und für einen Anwalt informiert?

Was heißt informiert? Ich habe mich bei den Anwälten informiert und den Asylbewerbern einen Kostendurchschnitt genannt. Manche Anwälte wollen bereits am Anfang 200 Euro haben, andere 500 oder auch 1000 Euro. Das Geld kann meist in Raten gezahlt werden. Wenn einer mal bei einem Anwalt war, erzählt er es den anderen weiter. Untereinander funktioniert das Netzwerk der Geflüchteten sehr gut.

Das Asylverfahren ist meist von langen Wartezeiten geprägt. Wirkt sich das negativ auf die Stimmung in den Unterkünften aus?

Die meisten sind total ungeduldig, weil sie ihre Kinder und Familien aus der brisanten Situation in Syrien herholen möchten. Einer sagte, dass er in einen Hungerstreik treten will und ein großes Plakat aufhängt. Manche werden depressiv, völlig depressiv. Nach einiger Zeit geht es dann wieder. Manche sind persönlich zum Bundesamt gefahren und haben sich dort eingereiht, um zu fragen, wie weit ihre Fälle sind. Sie wurden ohne Auskunft einfach wieder weggeschickt. Das Fahrgeld hätten sie sich sparen können. Manche schicken auch andere, um nachzufragen. Das Nachfragen ist aber gerade das, was nicht gemacht werden sollte, habe ich von den Rechtsanwälten immer wieder gesagt bekommen. Jedenfalls bis die „Gefahrenzeit“, also die Überstellungsfrist (nach Dublin III Verfahren muss die Überstellung in den zuständigen EU-Mitgliedsstaat innerhalb einer sechsmonatigen Frist erfolgen, Anm. d. Red.), abgelaufen ist und das Asylverfahren von Deutschland übernommen wird.

Du stehst im engen Kontakt mit den RechtsanwältInnen. Wie funktioniert die Kooperation?

Anfangs dachte ich: „Ich bin doch nicht die Rechtsanwältin, das müssen die doch machen“. Bis ich festgestellt habe, dass man den Anwälten zuarbeiten muss, weil sie keine Zeit für Informationsrecherche haben. Zum Beispiel haben sie keine Zeit die Erfahrungsberichte von der Flucht aufzuschreiben. Wegen der Sprachbarriere kosten das Schreiben und die Textübersetzungen viel Zeit. Die Anwälte erhalten Infos von den Geflüchteten oft nur stückweise, sodass kein umfassendes Bild der Flucht entstehen kann. Ein Rechtsanwalt ist immer nur so gut, wie die Angaben, die ein Mandant ihm macht. Oftmals reichen die vorhandenen Infos nicht für eine fundierte Argumentation im Dublinverfahren aus. Und deshalb habe ich gemerkt, dass die gesamte Fluchtgeschichte aufgeschrieben werden sollte – wie ein Filmverlauf. Damit können die Anwälte unglaublich viel anfangen.

Mit der Verschriftlichung der Erfahrungsberichte werden auch die Zustände in anderen europäischen Ländern thematisiert. Damit ist die Möglichkeit gegeben, die Lage aus der Perspektive der Geflüchteten darzustellen.

Gerade das wollen wir erreichen! Die Erfahrungsberichte werden gesammelt und über eine Rechtsanwältin an eine Menschenrechtsorganisation weitergeleitet. Die Aufenthaltsbedingungen sind in Ländern wie Ungarn und Bulgarien menschenunwürdig. Ich höre von Flüchtlingen, dass sie eher nach Syrien in den Krieg zurückgehen würden als nach Ungarn oder Bulgarien. Zum Teil werden sie, nach ihren Aussagen, wie Tiere behandelt. Deshalb ist Aufklärungsarbeit dringend notwendig, um die individuellen Schicksale aufzuzeigen. Besonders wichtig ist mir der persönliche Kontakt mit Geflüchteten, denn wenn du eine einzelne Person vor dir hast, hast du auch ein Gesicht vor dir.

Was möchtest Du mit deinem Engagement bewirken?

Ich sehe es als unsere Pflicht, zu helfen. Politische und wirtschaftliche Machtkämpfe werden zu Lasten der Zivilbevölkerung ausgetragen, die als hilflose Opfer dastehen. Wir sind in der Verantwortung, so viel zu helfen wie wir können. Auf dem letzten Kirchentag habe ich Gruppierungen kennengelernt, die eine Friedenssteuer fordern. Der Bevölkerung in Deutschland soll zur Wahl gestellt werden, ob ihre Steuern für die Rüstungsindustrie oder für die Friedensförderung verwendet werden sollen. Mein Motiv also: Verantwortungsbewusstsein und Pflichtgefühl. Und der Antrieb, dass jeder Mensch ein Recht auf Frieden hat.

DER BLICK NACH VORN
„OFTMALS REICHT ES, SICH EINFACH KENNENZULERNEN“

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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