Leben in Syrien

ALS DER KRIEG NACH ALEPPO KAM

WÄHREND DES KRIEGS NAHM ZAHER FLÜCHTLINGE BEI SICH ZUHAUSE AUF,
SPÄTER WURDEN ER SELBST EINER.

Zaher erzählt von seinem Leben vor dem Krieg, den Gefahren im Bürgerkrieg und seiner Entscheidung zur Flucht.

Mein Großvater floh 1948 aus Angst vor dem Krieg in Palästina nach Syrien. Er dachte er kehrt schnell in sein Haus zurück, was ihm jedoch durch die politische Situation nicht möglich war. Seitdem lebt meine Familie in Syrien. Ich wurde in Aleppo geboren. Ich lebte zusammen mit meinem Vater, meiner Mutter und meinen drei Schwestern.

 

Mein Leben in Aleppo
Die Grundschule und die Mittelschule besuchte ich in einem kleinen Flüchtlingscamp für Palästinenser, danach besuchte ich drei Jahre lang eine weiterführende Schule in Aleppo. Ich machte dort meinen High School Abschluss und meldete mich bei einem Institut zu einem Sportstudium an, weil ich Sport liebe und die Chance hatte, aufgrund meiner guten Noten dort in diesem Institut zu studieren. In Syrien kann man nicht einfach studieren, was man möchte. Auch wenn ich gut in Sport war und dieses Institut mich zunächst akzeptiert hatte, strichen sie später meinen Namen wieder von der Liste und vergaben meinen Platz an einen jungen Mann mit Geld und Einfluss.

Flüchtlingscamp für Palästinenser
Nach dem Palästinakrieg 1947 flüchteten viele Palästinenser nach Syrien. Die entstandenen Flüchtlingscamps entwickelten sich zu normalen, modernen Stadtteilen, werden jedoch immer noch als „Flüchtlingscamps“ bezeichnet. Danach wurde ein Konservatorium gegründet und ich schrieb mich dort ein, auch wenn ich eigentlich nicht an Musik oder Instrumenten interessiert bin. Ich studierte dort zwei Jahre lang und machte dort einen Abschluss, um als Musiklehrer zu arbeiten. Leider gab es keine Stellen für Musiklehrer. Ich war 20 Jahre alt, ohne Job, Geld oder Haus. Ich begann in Restaurants und in Gelegenheitsjobs zu arbeiten, beispielsweise als Maler und Elektriker und in weiteren handwerklichen Berufen. Ich lernte, Straßen zu pflastern und hatte in dieser Branche bald viel Erfahrung, viele Arbeiter arbeiteten für mich. Im Jahre 2004 arbeitete ich in einem UN-Projekt zur Sanierung eines Lagers für palästinensische Flüchtlinge in Aleppo. Der Direktor dieses Projektes war Volker, ein Deutscher. Zu dieser Zeit wurde auch ein Stellenangebot für Lehrer ausgeschrieben, ich bewarb mich dort und wurde genommen, weswegen ich von meiner Mitarbeit in dem Projekt zurücktrat und als Musiklehrer arbeitete. Ich baute ein schönes Haus und heiratete. Ich arbeitete von sieben Uhr morgens an in der Schule und nach dem Unterricht bis zehn Uhr abends pflasterte ich Straßen. Meine Lage verbesserte sich, ich hatte eine Frau und zwei Töchter und ein Haus.

Danach wurde ein Konservatorium gegründet und ich schrieb mich dort ein, auch wenn ich eigentlich nicht an Musik oder Instrumenten interessiert bin. Ich studierte dort zwei Jahre lang und machte dort einen Abschluss, um als Musiklehrer zu arbeiten. Leider gab es keine Stellen für Musiklehrer. Ich war 20 Jahre alt, ohne Job, Geld oder Haus. Ich begann in Restaurants und in Gelegenheitsjobs zu arbeiten, beispielsweise als Maler und Elektriker und in weiteren handwerklichen Berufen. Ich lernte, Straßen zu p astern und hatte in dieser Branche bald viel Erfahrung, viele Arbeiter arbeiteten für mich.
Im Jahre 2004 arbeitete ich in einem UN-Projekt zur Sanierung eines Lagers für palästinensische Ge üchtete in Aleppo.
Der Direktor dieses Projektes war Volker, ein Deutscher. Zu dieser Zeit wurde auch ein Stellenangebot für Lehrer ausgeschrieben, ich bewarb mich dort und wurde genommen, weswegen ich von meiner Mitarbeit in dem Projekt zurücktrat und als Musiklehrer arbeitete.
Ich baute ein schönes Haus und heiratete. Ich arbeitete von siebenUhr morgens an in der Schule und nach dem Unterricht bis zehn Uhr abends p asterte ich Straßen. Meine Lage verbesserte sich, ich hatte eine Frau und zwei Töchter und ein Haus.

Kriegsbeginn in Syrien
Aber ich war nicht sehr glücklich darüber, denn zu dieser Zeit begann der Krieg in Syrien. Wir beherbergten Flüchtlinge aus Nachbarstädten und ich arbeitete freiwillig mit dem UNHilfswerk für Palästinaflüchtlinge zusammen, um diesen Menschen zu helfen, allerdings nicht besonders lange, denn wir erlitten bald das gleiche Schicksal. Auch wir wurden Flüchtlinge, denn die Schlacht in unserem kleinen palästinensischen Flüchtlingslager begann. Es gab weder Elektrizität noch etwas zu essen oder zu trinken in diesen Tagen, denn alle Straßen in der Stadt waren blockiert. Es kam Tag und Nacht zu Kämpfen zwischen der Freien Syrischen Armee (FSA) und den Regierungstruppen. Es gab Luftangriffe, aber man kämpfte auch mit Panzern und anderen Waffen. Viele Häuser wurden zerstört, viele Menschen starben grundlos, bis die FSA die Schlacht gegen die Regierungstruppen gewann. Danach wurden alle Einwohner von der FSA aus dem Camp vertrieben, weil 50 Einwohner des Camps, welches um die 6000 Einwohner hatte, auf Seiten des syrischen Regimes gekämpft hatten. Sie wurden also von der Freien Syrischen Armee beschimpft und vertrieben. 6000 Menschen waren drei Tage und Nächte lang ohne jeglichen Schutz oder Obdach auf den Straßen. Viele Menschen schliefen auf der Straße, viele gingen zu ihren Verwandten oder verließen die Stadt, um Zuflucht in anderen Städten zu suchen.

Leben im Krieg
Viele Familien hatten zu dieser Zeit kein Geld, also begann die Regierung, sie in Gebäuden der Universität einzuquartieren, um ihnen zu helfen. Auch wenn diese Gebäude eigentlich nicht geeignet waren, Menschen zu beherbergen, ging auch ich dorthin und schlief dort. Meine Eltern gingen zum Haus meiner Schwester und meine Frau und unsere Kinder gingen zum Haus meines Schwiegervaters. Ich habe nur einen Teil von der Tragödie, die wir erlebt haben, hier niedergeschrieben. Aleppo ist in zwei Teile geteilt, ein Teil unter der Kontrolle der Regierung, ein Teil unter der Kontrolle der Freien Syrischen Armee und der Opposition. Das war das Schlimmste in diesem Krieg. Es gibt eine Straße, die die beiden Teile trennt. Man nennt sie die Todesstraße. Jeder, der von einem Teil in den anderen gehen will, muss diese Straße nehmen, zu Fuß. Dieser Weg wird von Scharfschützen kontrolliert, es ist jeden Moment möglich, zu sterben. Alles, was man benötigt, wie Essen, Wasser, Kleidung, Öl oder Medizin, war nicht zu bekommen in jenem Teil der Stadt, der von der Freien Syrischen Armee kontrolliert wird. Wer also irgendetwas braucht, muss diese Straße benutzen, um auf die Seite des Regimes zu gelangen. Gerne würde ich noch mehr über die Todesstraße schreiben, aber dafür habe ich nicht genug Papier. Nach zwei Monaten gab die Freie Syrische Armee bekannt, dass jeder, der zu seinem Haus im Camp zurück will, dorthin zurückkehren kann. Das Problem allerdings war, dass alle Gebiete unter der Kontrolle der Opposition, mögliche Ziele für Angriffe des Regimes geworden waren und bombardiert wurden.

Als der Krieg kam

Die alte Nachbarschaft.
Mittlerweile sind die Häuser in der Gegend komplett zerstört.

Situation der Palästinenser
Palästinenser sind eine Minderheit in Syrien, darunter mussten wir sehr leiden. Beide Seiten gehen wie folgt mit den Menschen um: Wenn jemand in einem Gebiet lebt, das von Regierungstruppen kontrolliert wird, wird davon ausgegangen, dass er auf Seiten des Regimes steht und andersherum das gleiche. Ich kann nicht nach meinem Haus sehen, weil ich in einer Schule arbeite, die von der Regierung verwaltet wird. Wenn ich zu meinem Haus gehe und zurückkomme, wird man in der Schule denken, ich bin bei der Opposition, weil mein Haus in einem von der Opposition kontrollierten Gebiet steht. Ich würde meinen Job verlieren und inhaftiert werden. Ob ich das überleben würde, weiß ich nicht. Fast alle Häuser in unserem Camp wurden zerstört, auch mein Haus und das Haus meiner Eltern. Alle Dinge des täglichen Bedarfs wurden sehr teuer, wenn man sie überhaupt bekommen konnte. Ich konnte nicht mehr in Frieden leben, hatte immer Angst um mich und um meine Kinder, die das Recht auf ihre Kindheit verloren hatten. Es gab keine Elektrizität. Jeden Moment konnte man zum Militärdienst eingezogen werden und wer das nicht wollte, war ein Verräter und wurde bestraft. Zaher entschied sich zu fliehen. Über Ungarn gelang er nach Deutschland.

Ankunft in Deutschland
Die Behandlung durch das Rote Kreuz in Lüneburg war sehr gut. Ines, die Leiterin des Camps dort, ist eine tolle Frau. Sie nahm uns mit dem Auto ins Camp mit. Ich möchte zwei Damen danken, die sehr freundlich zu mir waren: Ines und Nina, die verantwortlichen Sozialarbeiterinnen im Camp. Ich liebe sie sehr. Ein besonderer Dank auch an meinen wunderbaren Bruder (hier: Freund) Abu Ali al-Alagrmi, weil er uns durch sein Übersetzen sehr geholfen hat mit allem, was wir brauchten. Und vielen Dank an die Einwohner Lüneburgs, die uns nie allein gelassen haben, nicht einen einzigen Tag. Danke auch an die Studenten, denen ich eine gute Zukunft wünsche.

ZUHAUSE IST DA, WO DIE FAMILIE IST
„WÄHREND DES KRIEGES KAUFT KEINER MEHR SCHUHE“

Categories: 1. Ausgabe 2016, MAGAZINE

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